Sie sieht mich an. Direkt ins Gesicht. In die Augen. Mit festem Blick, geradezu starrend. Ich werde nervös, ich weiß nicht was sie von mir will. Wer ist sie überhaupt? Kennen wir uns? Habe ich sie schon mal gesehen? Die Nervosität steigt, ich beginne zu schwitzen. Oh man, wie peinlich. Sollte ich vielleicht etwas sagen? Aber warum? Sie ist es doch, die mich anstarrt. Sie sollte etwas sagen! Genau! Ich werde hier jetzt völlig cool und selbstsicher sitzen und einfach warten, bis sie etwas von sich gibt. Und während der Schweiß auf meiner Nasenspitze perlt höre ich mich sagen: „Ein Bier bitte!“. Die Kellnerin geht und ich bin erlöst. Verdammt, ich hasse, in fremden Kneipen auf Lehmann warten zu müssen. Ich kenn hier ja niemanden.
Na ja, bis auf Lehmann, der soeben zur Tür rein kommt, zwei hübsche Mädels im Arm, direkt auf mich zu steuernd. „Sorry Kim, bin etwas spät dran. Aber das hier sind Jule und Magdalena. Aus Berlin!“ Er zwinkert mir zu. Ich zwinkere auch. Weil mir der Schweiß inzwischen in die Augen läuft. Man, wie das brennt. „Die zwei machen hier Urlaub und ich habe gesagt, wie beide zeigen ihnen mal das Nachtleben unseres schönen Städtchens“. Die machen hier Urlaub? Hier? HIER? Ja, ich weiß ja, die Schleswig-Holsteinische Luft soll so gesund sein. Aber deshalb machen doch keine jungen, wunderschönen Mädels aus der deutschen Hauptstadt hier Urlaub. Sondern nur alte Menschen, die kurz vor dem Exitus stehen und immer ein bisschen nach Verwesung riechen. Woher ich das weiß? Weil sich diese Mumien immer neben mich im Bus setzen und mich dann volltexten. Egal. Ich sage artig „Hallo, ich bin Kim und ich bin Schweißer von Beruf.“ Hah, super Witz. Zum Beweis meines kleinen Amüsiersprüchens öle ich gleich noch mehr. Und muss an Berlin denken. Wie Lehmann und ich damals nach Berlin gefahren sind.
Wir saßen in unserer Stammkneipe, wo ich das Personal kenne und bei Blickkontakt nicht zum menschlichen Jangtsekiang mutiere, und Lehmann schwärmte mir von unserer Vorzeige-Metropole vor. Wie großartig (weil groß) das da alles sei. Und das da ja nur richtige Originale leben würde (während in unserer Stadt wohl nur Duplikate unterwegs sind) und das man da wenigstens was erleben würde. Ich war da skeptisch. Mir gefällt unsere Heimat, das überdimensionale Berlin war mir suspekt. Nein, nein, nach Berlin würden mich keine zehn Pferde bekommen! Im Endeffekt waren auch keine zehn Pferde nötig, sondern nur Lehmann und die deutsche Bahn, was sich im Nachhinein als unheilvolle Kombination herausstellen sollte. Lehmann überredete mich, spontan, nachts, besoffen, mit ihm nach Berlin zu fahren. „Das ist auch gar nicht teuer, wie fahren da einfach mit dem Wochenend-Ticket über Schwerin. Das geht ruckzuck, dann bleiben wir übers Wochenende in Berlin und Montag früh sind wie wieder da!“.
Gesagt, getan. Ab ins Taxi, kurzer Stopp beim Spätkauf zum Erwerb geistiger Getränke und dann zum Bahnhof. Und nach läppischen 4 Stunden warten konnte die Reise auch losgehen, denn zu Lehmanns erstaunen fuhren nachts von hier aus keine Züge nach Hamburg, von wo aus wir dann nach Schwerin fahren würden, um von da aus dann nach Berlin zu fahren. Ruckzuck halt! In Hamburg ging dann auch alles gut, Lehmann berichtete weiterhin vom fabulösen Berlin und ich war genervt. Denn nach einem Blick auf unseren Fahrplan stellte ich fest, dass wir in Schwerin ganze minus Drei Minuten zum Umsteigen hätten. Mit anderen Worten, wie würden zu spät kommen und wieder mal warten müssen. „Mit den zehn Pferden würde ich schneller nach Berlin kommen!“ schoss es mir durch den Kopf und ich begann, die Hauptstadt tief und fest zu hassen.
Doch in Schwerin geschah dann ein Wunder! Unser Zug nach Berlin stand dort noch! Er war noch nicht weg und mit einem kurzen Sprint erreichten wir die Regionalbahn „just in time“. Meine Laune besserte sich jedoch nicht, denn meine Abneigung gegen die Millionenstadt war zu groß. Doch als wir dann in die Stadt einfuhren, konnte ich mich des Charmes der Metropole nicht mehr erwehren. Alles wirkte hier größer, urbaner und irgendwie geschichtsträchtig. Und meine Herren, die größe der Spree hatte ich unterschätzt! Hier gab es ja sogar einen richtigen Hafen und ich meinte, in der Ferne die Kräne einer Werft erkenne zu können. Ja, Berlin hatte mich gewonnen und ich lächelte Lehmann an. Neben mir saß ein alter Mann, der ein wenig nach Verwesung roch, und in meiner überschwenglichen Stimmung fragte ich ihn, warum er denn nach Berlin fuhr. „Berlin? Wieso Berlin? Das hier ist Rostock“… Oh, verdammt. Wohl doch kein Wunder in Schwerin, wie waren schlicht und ergreifend in den falschen Zug gestiegen. Es waren dann noch ein paar sehr schöne Tage, die wir in Rostock verbrachten, aber nach Berlin habe ich es bis heute nicht geschafft.
Ich blicke Lehmann und die Mädels durch den Schweißfilm auf meinen Augen an und denke mir, ich sollte mich vielleicht mal am Gespräch beteiligen. Immerhin blicken die drei mir direkt ins Gesicht, so als ob ich etwas gefragt worden wäre. „Entschuldige, was hattest du gefragt?“. Ich werfe die Frage einfach so in den Raum, irgendwer wird schon antworten und die Blonde der beiden, ich glaube sie hieß Jule, sagt „Und, was machst du hier? Wohnst du hier, in Hamburg?“ – „Äääähm, das hier ist nicht Hamburg, das ist…“
Großartig, mein Lieber. Nach Berlin wollen und in Rostock landen. Nach Hamburg wollen und bei dir landen. Die deutsche Bahn machts möglich. Oder wer wars?
Im Zweifel hat immer die Bahn schuld. Und damit liegt man wohl auch nie daneben…
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